Zerebralparese

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aus Sicht der Feldenkrais-Methode

Mit diesem Artikel möchte ich dem Laien einen Bereich vorstellen, warum die Feldenkrais Methode effektiver als jede andere Therapieform wirkt.

Es stellt sich die Frage: „Ist eine Behinderung wie die spastische Lähmung, wenn diese rechtzeitig und ihren Gründen gemäß behandelt wird, wirklich unheilbar?“  Als ein spastisch behinderter Mensch habe ich mich über 35 Jahren lang täglich und intensiv mit der Feldenkrais Methode auseinander gesetzt. Als ein Anwender dieser Methode an anderen Menschen, darunter auch schwer behinderte Säuglinge und Kleinkinder, die in einigen Fällen zu 100% genesen durften, kann ich behaupten, dass eine Behinderung wie die spastische Lähmung, noch bevor die Gründe dieser Behinderung im Nervensystem und die Bedingungen zur Beseitigung dieser Gründe überhaupt einigermaßen wissenschaftlich fundiert erkannt und verstanden wurden, in der Tat unbegründet als unheilbar definiert wird.

Hierzu möchte ich ein paar Zitate von Moshe Feldenkrais aus seinem Buch „Body and Mature Behaviour“, deutsch „Der Weg zum reifen Selbst“, Junfermann Verlag, vortragen. Im Buch werden Vorträge aus dem Jahr 1943(!) sechs Jahre später erstmals veröffentlicht. „Erworbenes Verhalten ist das Ergebnis der Interaktion zwischen der genetischen Entität und ihrer Umwelt. Man kann also sagen, dass erworbenes Verhalten sich verändert, wenn die Umwelt sich verändern kann. Demnach kann alles charakteristische Verhalten, das nicht den Gesetzen der Vererbung unterliegt, durch die Umwelt beeinflusst werden. . . . Es lässt sich auf Anhieb sagen, dass wir uns mit gewissen Einschränkungen – körperlicher oder seelischer Art – (z.B. in diesem Fall, die Unheilbarkeit der spastischen Lähmung P.D.) nur deshalb abgefunden haben, weil wir nicht wissen, wie wir etwas daran ändern können. Die Folgen schlechter Angewohnheiten werden als Charaktermängel oder als chronische Krankheiten bezeichnet, die, wie ihr Name andeutet, als unheilbar gelten. Und wenn wir mit uns falsch umgehen, so bezeichnet man das als unglückseliges Erbe oder als dauerhafte Missbildung. Um das Scheitern aller möglichen Verbesserungsversuche zu rechtfertigen, wird immer wieder von der Degeneration der menschlichen Rasse gesprochen. Deshalb erscheint es mir angebracht, den Wahrheitsgehalt dieser Degenerations-These zu überprüfen.“ (Seite 30-31)

Mit einfacher Sprache gesagt: Wenn man in einer chinesischen Umgebung als Säugling und Kleinkind aufwächst, wird man nicht russisch, französisch oder eine andere Sprache als chinesisch sprechen lernen. Warum? Weil man, um eine bestimmte Sprache sprechen lernen zu können, Bedingungen braucht, unter denen diejenige Sprache auch gelernt werden kann.

In diesem hier angebrachten Kontext des Sprachenlernens wird ein anderes allzu oft missverstandenes und falsch interpretiertes Zitat von Feldenkrais leichter nachvollziehbar:

„Weder korrigiere ich, noch heile oder unterrichte ich. Ich schaffe nur die notwendigen Bedingungen, in denen jemand lernen kann." (Moshe Feldenkrais - Dallas workshop 1981)

Durch seine Methode ermöglicht Feldenkrais dem Patienten von selbst zu entdecken und zu erspüren, was für ihn notwendig ist, um Leighkeit in seine Bewegung zu bringen. Es sind dies solche Reize, die dem Patient gemäßere Bewegungsmöglichkeiten geben, wobei gelernt wird, unnötige und dadurch hinderne Spannungen bewusst loszulassen. Es wird ihm nichts „Falsches“ oder „Richtiges“ (wie z.B. eine bestimmte Körperhaltung) von außen gezeigt oder sogar aufgezwungen.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der wahre Grund  für die Klage über Spannungs- und Angstzustände usw. in allen Fällen auf Unwissenheit zurückzuführen  ist. Damit meine ich nicht persönliche Unwissenheit, denn in solchen Fällen könnte man sich ja von Leuten helfen lassen, die besser Bescheid wissen als man selbst. Gemeint ist hier eine Unwissenheit wesentlich schlimmerer Art: jene fundamentale Ignoranz, die sich selbst in die Wissenschaft einschleicht. Abstraktionen, die verallgemeinert und zeitweise übertrieben werden, richten einen unermesslichen Schaden an. In Wirklichkeit wissen wir nur sehr wenig darüber, was im Leben wichtig ist und was nicht.“ (Quelle: Seite 34)

Moshe Feldenkrais schreibt in seinem oben erwähnten Buch „Body and Mature Behaviour“ weiter: „Wir werden später sehen, dass eine operative Entfernung bestimmter höheren Nervenzentren zu einem übertriebenen starken Muskeltonus (Muskelverspannung, P.D.) führt, der vorher durch die entfernten Nervenzentren gehemmt und im Gleichgewicht gehalten wurde. Dieser exzitatorische(erregende, P.D.) und inhibitorische(hemmende, P.D.) Charakter jeder neueren Struktur des Nervensystems erklärt zahlreiche Erscheinungen, die mit der Aktivität dieses Systems zusammenhängen, wie man sie nach der teilweisen Ausschaltung der Steuerung oder ihrem Versagen im lebendigen Organismus beobachten kann. Die partielle Unterdrückung der Steuerung verschiedener Teile ist unter mehr oder weniger normalen Bedingungen alltäglich und zeigt sich als Freisetzung einer entsprechenden vorher gehemmten, älteren Aktivität bzw. deren erneuten Unterdrückung.“ (Seite 40)

Bevor ich die Verbindung zwischen funktionaler Entwicklung, Selbstwahrnehmung, Schwere oder Leichtigkeit in der Ausführung einer Bewegung erkläre und über die Steuerung im Nervensystem, in einer einfachen und leicht nachvollziehbaren Sprache, etwas anmerke, möchte ich anhand von zwei praktische Beispiele zeigen, wie jeder Laie an seinem eigenen Leib nachvollziehen kann, wie es ist, spastisch zu sein.

Beispiel 1: Versuchen Sie dreißig bis hundert Kilogramm im Sitzen oder Stehen über Ihren Kopf für länger als zehn Minuten zu halten und dann fangen Sie an zu sprechen oder zu singen. Wenn Ihre Anstrengung genügend groß ist, wird Ihre Stimme derjenigen eines spastisch behinderten Menschen ähneln.

Beispiel 2: Hängen Sie an Ihrem Handgelenk eine bis zehn Kilogramm schwere Tasche und versuchen Sie etwas auf einer senkrechten Ebene zu schreiben.

Was hindert daran, mit Leichtigkeit und Genauigkeit die zwei erwähnten Funktionen auszuführen? Nichts anderes als die Anstrengung, die dazu unumgänglich notwendig wäre. Diese Anstrengung und auch die zu große Aufregung oder Angst sind verantwortlich für die „teilweise Ausschaltung oder das Versagen der Streuerung im lebendigen Organismus. Man wird verstehen, dass das Erreichen von Genauigkeit in der Ausführung einer Funktion des Nervensystems ausschließlich durch das Suchen und Pflegen der Anstrengungslosigkeit, der Leichtigkeit und der ruhigen Aufmerksamkeit ermöglicht wird. Nichts anders wird übrigens auch bei verschiedenen Meditationstechniken praktiziert.

Es stellt sich die Frage, ob das Nervensystem eines spastisch behinderten Säuglings oder Kleinkindes in seiner Lern- und Entwicklungsfähigkeit so sehr verschieden von dem eines gesunden Kindes ist, das von sich aus laufen und sprechen lernen kann, dass es für spastische Kinder therapeutische Maßnahmen rechtfertigt werden, die, wie in der Vojta Therapie (eine von Ärzten verschriebenen und von Krankenkassen anerkannte und zugelassene Technik), völlig den Entwicklungsbedingungen eines gesunden Kindes entgegengesetzte Mittel zulässt und fordert? Und noch weiter: Wird ein gesundes Kind, dem man genauso oft wie behinderten Kindern seine Nervenzentren mit Butolinum betäubt, Funktionen wie Krabbeln, Sitzen oder Laufen normal entwickeln können? Wird es seine Muskeln und Teile seines Körpers wahrnehmen können?

Sofern nicht selbst als Familienangehöriger oder Behinderter betroffen, führen die meisten Menschen ihr „habitual life“ (gewöhnliches Leben) mit  ihren täglichen Problemen,  Beschäftigungen und  Vergnügungen, selbstverständlich weiter, ohne sich einen einzigen Augenblick der Frage zu widmen: „Was wird da eigentlich mit einem behinderten Kind gemacht? Wie geht man mit ihm um und was versteckt sich hinter den therapeutischen Maßnahmen, denen es ausgesetzt wird. Wie werden diese begründet und gerechtfertigt? Wissen, zu viel Wissen ist allzu oft nicht erwünscht, weil Unwissenheit sich leichter manipulieren lässt. Hierzu Feldenkrais: „Wenn ich weiß, was ich tue, kann ich tun, was ich will.“ (aus einer seiner Vorträgen in seinem Amherst Training, 1981)

Es ist notwendig, wie ich als ehemaliger Behinderter beurteilen kann und als Begleiter von Betroffenen auf ihrem Weg zur Gesundung immer wieder feststellen muss, diese äußerst effektive Methode all jenen bekannt und zugänglich zu machen, die davon profitieren könnten; es ist notwendig, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, die tragischer- und fahrlässigerweise um die von der Feldenkrais Methode eröffneten Perspektiven errichtet wird, die Mauer eines, wie ich in zwei Fällen selbst miterleben musste, auch Tod bringenden Schweigens.

Es ist dies allerdings keine ungewöhnliche Erscheinung des menschlichen Verhaltens, wenn es um Fortschritt geht. „Wir haben davon nichts gewusst“, ist seit eh und je für viele, nicht nur seit sechzig Jahren und nicht nur hier in Deutschland, ein populärer Satz. Über ein solches Verhalten hat sich unter vielen anderen auch Schopenhauer geärgert:

„Das Wahre und Echte würde leichter in der Welt Raum gewinnen, wenn nicht die, welche unfähig sind, es hervorzubringen, zugleich verschworen wären, es nicht aufkommen zu lassen. Dieser Umstand hat schon Manches, das der Welt zu Gute kommen sollte, gehemmt und verzögert, wenn nicht gar erstickt.“ (Aus der Vorrede zur dritten Auflage der „Welt als Wille und Vorstellung“)

Ein gesunder Säugling kann während seiner ersten Lebensmonaten, wie erwähnt, noch nicht greifen, kriechen, laufen, sprechen, u.s.w., d.h. all die Funktionen ausführen, bei denen eventuelle spastische Symptome deutlich erkennbar wären. Das ist auch der Grund dafür, dass eine spastische Lähmung nur in Verbindung mit der funktionalen Entwicklung des Säuglings festgestellt werden kann. Erst wenn eine Verzögerung in der Beweglichkeitsentwicklung auftritt, wenn das Kind noch nicht die Bewegungen ausführen kann, die ein gesunder Säugling schon ausführen würde, lässt sich die spastische Behinderung diagnostizieren/ festzustellen. Es ist indessen jedoch erheblich leichter, spastische Säuglinge in die Bahnen einer normalen Entwicklung einzulenken, als schon spastisch entwickelte Kinder, bei denen eine viel komplexere und detaillierte Wiederherstellung der zurückgebliebenen und missentwickelten Funktionen notwendig werden würde. Wenn man beim spastischen Säugling die Fähigkeit, die Wirkung der Schwerkraft auf den verschiedenen Teilen seines Körpers differenziert wahrzunehmen, wiederherstellt, wird seine Entwicklung meist ohne weitere fremde Hilfe ihren normalen Ablauf nehmen. Er wird, mit anderen Worten, wie jedes gesunde Kind auch, die verschiedenen Phasen: sich drehen, kriechen, krabbeln, sitzen, stehen, gehen - von alleine absolvieren können. Dies kann ich aus meiner eigenen Erfahrung in der Arbeit mit spastischen Säuglingen vollkommen bestätigen. Techniken zur Wiederherstellung eines normalen, für das Erlernen von Funktionen notwendigen Wahrnehmungsvermögens des Nervensystems sind einer der wichtigsten Bestandteile der Feldenkrais-Methode. Sie macht sich in diesem Zusammenhang die Tatsache zunutze, dass das Wahrnehmen (die Wirkung, einen Reiz mit Hilfe der Sinnesorgane aufzunehmen und zu erkennen) abhängig von der relativen Intensität des Reizes im Kontext der übrigen umgebenden und in uns existierenden Reize ist. Einige praktische Beispiele können vielleicht beleuchten, was ich hiermit meine: Beim Sehen, wird man am Tage das Sternenlicht nicht wahrnehmen können. Was das Hören betrifft, kann man in der Nähe eines laufenden Flugzeugmotors andere Geräusche nicht mehr wahrnehmen. Und auf der kinästhetischen Ebene, d.h. auf der Ebene der Körperempfindung, wird man nicht fühlen können, ob sich auf den schweren Koffer, den man trägt, eine Fliege niedergelassen hat oder nicht. Gleichermaßen, wenn man sich in irgendeinen Gedanken, in irgendein Problem vertieft (innerer Reiz), merkt man oft nicht, dass jemand zu einem spricht. Es gilt: Der stärkere Reiz siegt. Das ist der Grund, warum ein von Spastizität gereiztes, mehr oder weniger ins Chaos gestürztes Nervensystem nicht fähig ist, sich an das Schwerkraftfeld in seinen Bewegungen optimal anzupassen, genau so wie jemand, der in Gefahr ist, aus dem zwanzigsten Stock herunterzufallen, nicht fähig ist, eine fröhliche Melodie zu pfeifen. Ein Teufelskreis von Überreizungen, die für das Nervensystem des Spastikers charakteristisch sind, verursacht eine Beeinträchtigung der Wahrnehmungsfähigkeit, die ihrerseits wieder die Überreizung des Nervensystems fördert. Dieser Teufelskreis kann in der Feldenkrais-Methode® durch eine besondere Technik durchbrochen werden: Durch die Anwendung von Kontrasten.